Foto / Planung / Zentralamerika

Der letzte und kräftezehrendste Teil Zentralamerikas beginnt. Jeder, der lange unterwegs ist, kennt das Gefühl der Erschöpfung. Der Punkt, an dem der Kopf voll ist. Die Seele nicht mehr hinterher kommt und man anhaltend an der Überforderung entlang schrammt. Reisemüde. Es gehört dazu, es ist Teil der Erfahrung. Man muss und wird seine Grenzen kennen lernen – und darüber hinaus gehen. In diesem Prozess befinden wir uns gerade und stehen dem nervenzehrenden Thema Verschiffung gegenüber. Lasset die Spiele beginnen!

Wir erreichen Panama City. Die Hauptstadt verwirrt uns schon auf den ersten Metern mit Gegensätzen. Armut trifft Reichtum. Wirres Strassenleben steht stilsicherem Luxusleben gegenüber. In der Innenstadt finden wir ein Hostel vor dessen Türen man parken darf. Es soll eine sichere und überwachte Strasse sein. Man schläft in seinem Auto, kann aber alle Einrichtungen des Hauses nutzen. In der zweiten Nacht wackelt der Bus verdächtig. Dank Marcs leichtem Schlaf bekommen wir es mit. Kein Windhauch in dieser Stadt, also kann das nicht der Grund sein. Verpennt steckt Marc seinen Kopf aus dem Dachzelt, schaut nach unten. Nichts. Wieder bewegt sich der Bus. Er sieht sich erneut um. Da liegt ein Rucksack auf dem Bürgersteig und unser Fenster ist ganz offen. Mit einem Satz springt Marc aus dem Dachzelt und zieht den Verbrecher aus dem Inneren des Autos nach draußen. Er hat meinen Laptop. Ich greife von oben nach dem Typ und erwische seine Hand. Halte sie fest, versuche nicht panisch zu werden. Marc nimmt ihm das Laptop ab, verstaut es und kümmert sich dann wieder um den Mann. Dieser greift hinter seinen Rücken. Was macht er? Schusswaffe? Ich halte den Atem an. Es geht alles zu schnell. Es ist ein kleines Messer! Kopf ist leer. Angst um Marc. Der Typ greift wieder nach dem Laptop. Er macht einen verängstigten und gehetzten Eindruck. Angst und Waffe, selten eine gute Kombination. Marc schafft es erneut den Laptop zurück zu bekommen – und den zugedröhnten Mann endlich zu verscheuchen. Verwirrt, aufgedreht und adrenalingeladen überprüfen wir die Lage. Es ist noch alles da, uns ist nichts passiert. Atmen. Alles gut. Nie wieder lassen wir auch nur einen Spalt unserer Fenster offen. Auch wenn hundert Menschen vorher sagen, es ist eine absolut sichere Strasse. Die Securities haben nichts unternommen, die Polizei kommt 30 Minuten später. Zurück im Dachzelt ist an Schlaf nicht mehr zu denken. Den nächsten Tag sind wir gerädert. Es ist der letzte Tag mit Arash und Shasha. Wir setzen uns in ein Taxi und der Fahrer bringt uns durch die ganze Stadt. Er weiß viel und lässt uns daran Teil haben. Er war Arbeiter im Panama Kanal und schildert uns auch die dunkle Seite dieses beeindruckenden Bauwerks: die Menschen, die verpflichtet wurden diesen Kanal zu erbauen. Viele haben dabei ihr Leben gelassen. Im Hostel haben wir zwei schweizer Mädels kennen gelernt und den Franzosen Theo. Alle gemeinsam ziehen wir los um das Nachtleben zu erkunden. Es ist ein gebührender Abschluss für unsere Zeit mit den beiden Iranern und eine gute Gelegenheit den Überfall aus dem Kopf zu bekommen.

In Panama City fängt der Prozess für die Verschiffung an. Egal ob RoRo oder Container. Völlig überfordert mit dem Thema haben wir uns eine Agentin an die Seite geholt. Fehlentscheidung. Sie überschüttet uns mit unübersichtlichen Mails, ist nicht vor Ort und bringt Chaos in Dinge, die nicht sein müssten. Nachdem wir uns also durch die wirren Anweisungen gearbeitet haben, fahren wir früh morgens zur Inspektion. Am Nachmittag holt man sich beim Secretaria General einen Zettel ab, der bestätigt, dass einem das Auto auch tatsächlich gehört. Abends wird die Verschiffung bar bei einer Kollegin der Agentin bezahlt. Das Drucken des vorläufigen Bill oft Landing steht noch an, sowie Papiere kopieren und den Bus startklar machen. Als der letzte Abend in Panama anbricht, sind wir erleichtert. Hier fehlt uns die Luft zum atmen, die Ruhe um wieder Kraft zu schöpfen. Es geht weiter nach Colón. Besser wird’s dort nicht. Auf dem Weg, geraten wir an eine Mautstelle, die nur mit elektronischem Pass zu durchfahren ist. Um eine alternative Route zu finden, quälen wir uns Stunden durch den verworrenen Verkehr der Hauptstadt. Am Hafen von Colón angekommen, suchen wir anhand der GPS Koordinaten die verschiedenen Gebäude. Schon jetzt dem Wahnsinn nahe. Gesamt sind es vier Schritte. Büro des Verschiffungsunternehmens, Zoll, Aduana und Kasse und zu guter letzt ins Hafengelände. In Letzterem treffen wir auf unseren Partner vom Container. Verschifft man zusammen, kann man Kosten teilen. Der Bus wird auf Drogen untersucht und Marc holt die gepackten Rucksäcke aus dem Auto. Nur der Besitzer darf auf das Hafengelände. Ganz zum Schluss bekommt man ein weiteres offizielles Papier. Die Befugnis das Auto in Kolumbien wieder aus dem Container zu holen. Also: gut aufheben.

Mit einem Taxi fahren wir zum Bahnhof in Colón. Den Grünen zurück gelassen zu haben, ist ein unschönes Gefühl. Aber was bleibt einem, als zu hoffen, dass er gut ankommen wird?! Wir besteigen einen lokalen Bus, der uns nach Portobello bringt. Es sind alte amerikanische Schulbusse, die hier fürchterlich klapprig aber in vielen bunten Farben ein zweites Leben bekommen. In besagtem Dorf wird unser Segelboot starten. Über Blue Sailing haben wir Plätze auf der Mintaka gebucht. Ein wunderschönes Segelboot, das Zuhause von einem deutschen Ehepaar. Abends starten wir die zwölfstündige Fahrt zu den San Blas Inseln. Mit Reisetabletten überstehen wir die Nacht. Als wir am Morgen an Deck kommen macht sich ein Lächeln auf dem Gesicht breit. Türkises Wasser, kleine Inseln mit weißem Strand und Palmen, strahlend blauer Himmel. Urlaubsbroschüre – das muss eine Urlaubsbroschüre sein! Auf der Cayo Holandes besuchen wir Kuna Indianer, die ihre Schichtstoffe verkaufen und frische Kokosnüsse anbieten. Auf dem Weg dort hin sehe ich einen jungen Mann unter einer Palme sitzen. Irgendetwas irritiert mich. Kenne ich ihn? Bei einem zweiten Blick weiss ich es: Arash! Lachend fallen wir uns in die Arme. Die San Blas Inseln bestehen aus 350 kleinen Inseln. Auf jeder dieser hätte er sein können. Aber wir treffen uns hier! Marcs Gesichtsausdruck, als er Arash entdeckt? Unbezahlbar. Die nächsten eineinhalb Tage ankern wir noch an zwei weiteren Inseln, essen gut und gehen schnorcheln. Sogar Ammenhaie und Adlerrochen lassen sich blicken. Wir sind im Paradis – wäre da bloß nicht dieser grummelige Kapitän mit dem unechten Lachen, der seine Gattin durch die Gegend scheucht, während er auf sein Smartphone stiert. Seine Frau hingegen ist unglaublich. Egal bei welchem Wellengang, sie zauberte leckeres Essen und macht die schwere Arbeit an Deck. Aber nun wurde es ernst. 37 Stunden auf offener See, um Kolumbien zu erreichen. Tagsüber genießen wir die Weite des Meeres, aber nachts war an Schlaf nicht zu denken. Der Bug – in dem sich unsere Kajüte befindet – kracht in die Wellen, das Segel steht steil im Wind und wir senkrecht im Bett.

Als wir die Stadt Cartagena in Kolumbien erreichen, sind wir mehr als erleichtert. Die Reisemüdigkeit besteht nach wie vor, ein wichtiger Abschnitt ist jedoch geschafft. Wir sind aufgeregt aber auch angespannt, müssen wir doch den Bus hier noch aus dem Hafen bekommen. Als wir Land betreten wissen wir: ein neues Kapitel erwartet uns. Südamerika.

Ihr möchtet Infos zur Verschiffung in Kurzform? Hier entlang zu den Shorties.


Kommentare

  1. …ich habe mich auch bei eurer armada von schutzengeln bedankt…denke oft an euch…

    …vielen dank für die herrlich formulierten berichte und die zauberhaften aufnahmen!!!…

  2. Beim Lesen stockt mir noch einmal der Atem! Was bin ich froh, dass diese Überfallnummer so ausgegangen ist!!!!! Die Bilder sind wieder so herrlich, dass nichts von Euren Strapazen den Eindruck trübt. Die Wasserbilder – ein Traum, das Kokusnusspaar – einfach toll und wie habt ihr nur die Kleine auf dem Sofa erwischt!? Ich küsse Euch innig und wünsche euch nur tolle Erlebnisse in Südamerika!

  3. Christina sagt: April 22, 2016 at 8:59 pm

    Hallo Weltreisende,

    ich finde es gibt so ein paar Dinge, die muss man in seinem Leben mal gemacht haben. Jetzt könnt ihr unter „Dieb in die Flucht schlagen“ eine Haken setzten :) ich habe neulich wieder an Euch gedacht und wo ihr wohl gerade seid. Die Zeit vergeht so schnell und bald ist schon Sommer, freue mich schon auf euch. Ich könnte dann vielleicht Picknick im Biergarten, Radler und Brezn mit Obazdn anbieten … :) das ist von Südamerika natürlich gerade so weit weg wie der Mond, aber egal. Nur mal so ein kleiner Gruß aus der Heimat! Ganz liebe Grüße von Christina

  4. Mama (Monika Scherer) sagt: April 25, 2016 at 12:43 pm

    ‚Hammer‘ würde Lena’s Bruder sagen. Mir fällt auch kein besseres Wort ein, um es auf den Punkt zu bringen. Die Bilder und euer Text überwältigen mich. Gefühle von Angst und Erleichterung werden überdeckt von dem Glücksgefühl, dass ihr all das meistert und jeden Tag an diesen Herausforderungen wachst. Ich platze vor Stolz auf meine mutige und kreative Tochter. Passt weiter so gut auf euch auf und viel Kraft für ein baldiges Krisen Ende! Ich schicke euch 1000 ‚good vibrations‘ aus dem erneut Schnee befallenen Bayern. Mama

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