USA / VW Bus T3 Syncro

Ganze 18 Tage haben wir in San Diego verbracht. Ein ungewollt langer Aufenthalt. Das Auf und Ab hat Kraft gekostet. Der Abbruch der Reise schwebte über unseren Köpfen. Bis nicht nur wir, sondern auch unsere Helfer erneut beschlossen: das kann und wird nicht das Ende sein.

Als der Mechaniker Rick uns verkündet, dass der Zylinderkopf intakt ist und es somit am Motorblock liegen muss, war unsere schlimmste Befürchtung wahr geworden. Er empfiehlt uns auch so gleich den Bus nach Hause zu verschiffen und die Reise abzubrechen. Ja, vielen Dank auch! Entmutigt sehen wir uns an. Was tun wir jetzt? Wo sollen wir einen neuen, alten Dieselmotor her bekommen? Was wird uns das kosten? Und sollte es möglich sein einen zu beschaffen, wie lange würde das dauern? Können wir unser Visum verlängern? All diese Fragen erschlagen uns. Darauf folgen zwei Tage Rund-um-die-Uhr Recherche. Der deutsche Mechaniker und unsere Familie wird angerufen. Alle mobilisieren Bekannte und Verwandte, die uns helfen könnten. Zunächst gilt rauszufinden, wie wir unser Visum verlängern, um Zeit zu gewinnen. Wir quälen uns durch die Website des Immigration Service, um bei einer Hotline zu landen, die nur eine Computerstimme zu bieten hat. Diese erschlägt einen mit Informationen und der Anweisung gefälligst 1, 2 oder 3 zu drücken. Tut man dies nicht, wird man zurück auf die Website verwiesen. Himmel, wir brauchen ein menschliches Wesen, dem wir unsere Ausnahmesituation erklären können! Über die Infopass Seite des Government kann man online einen Termin bei einem Field Office beantragen. Das versuchen wir. Jedoch ist der einzig Mögliche kurz vor Ablaufdatum des Visums. Ohne Termin wird man gar nicht erst in die Behörde gelassen. Frustriert stellen wir dieses Problem zurück. Eine Notlösung wäre, den Bus über die Grenze nach Tijuana/Mexiko schleppen zu lassen und zu Fuß auszureisen. Somit hätten wir die USA verlassen und vielleicht findet sich in Mexiko eher ein Dieselmotor. Wir rufen Petra an. Die Freundin von Markus und Debbie hat einen Bekannten in Tijuana, den sie kontaktiert. Der empfiehlt ihr aber eine Werkstatt in San Diego. BRU Automotive. Sie ruft für uns dort an und erklärt Jack, dem Mechaniker, das Problem. Er weiß sofort worum es geht und bestätigt, dass nur ein neuer Motor in Frage kommt. Er weiß aber auch, wo einer herzukriegen ist. Das klingt doch schon viel besser, als Ricks destruktive Aussagen. Wir lassen den Bus halb auseinander gebaut abschleppen. Es geht zu Jacks Werkstatt. Auch dieser spart an Worten. Scheint hier bei den Bastlern Trend zu sein. Aber er klemmt sich innerhalb von Minuten hinter den Rechner und sucht nach einem Motor. Er meldet sich morgen bei uns. Wir sollen nach Hause gehen. Er beeilt sich. Zurück in unserem AirBnB Zimmer müssen wir uns dem Thema Visum erneut stellen. Meine Schwester ermutigt uns, den Termin beim Field Office auf jeden Fall zu machen. Um eben alles versucht zu haben. Die Infopass Seite hält eine Überraschung bereit. Es gibt plötzlich einen freien Termin für den nächsten Morgen. Dieser gehört nach einigen Klicks uns. Jack ruft gleich Morgens an und berichtet er habe zwei Motoren gefunden, die in Frage kommen. Er wolle übermorgen nach LA, um sie sich anzusehen und den Besseren mitzunehmen. Großartig! Aufgeregt und hoffnungsvoll fahren wir zum Field Office in der Front Street. Nach einer Durchsuchung sitzen wir in der Wartehalle. Unser freundlicher Immigration Officer ist taubstumm. Neben uns sitzt eine Dame, die „übersetzt“. Als wir unsere Situation nervös schildern, stoßen wir auf Verständnis. Der Beamte und seine Dolmetscherin erklären uns, dass sie einige Dinge überprüfen müssen und gleich wieder kommen. Wir warten circa 15 Minuten. Diese kommen uns wie Stunden vor. Als die Beiden zurück sind halten wir den Atem an. Wir dürfen 30 Tage länger in den USA bleiben. Wäre keine Glasscheibe zwischen dem Officer und uns gewesen, hätten wir ihn vor Freude wohl umarmt. Wir verlassen das Gebäude um 100 Kilo leichter und mit einem dicken Grinsen im Gesicht. Wir haben etwas unbezahlbares bekommen: Zeit.  Wir sprechen noch ein Mal mit Jack und informieren ihn, dass wir gleich vorbei kommen um etwas aus dem Bus zu holen. Aus dem „Gleich“ wurde eine einstündige Fahrt mit dem öffentlichen Bus. In diesem begegnen wir einem stolzen mexikanischem Rentner mit weißem Cowboyhut und Anzug, einer verwirrten Dame mit Leoparden-Mütze und einem sichtlich verstörten Obdachlosen, der laut schreiend einen Seesack hinter sich her schleift. Da passen wir doch mit unserem super breiten Grinsen hervorragend rein. Als wir bei BRU ankommen, steht ein LKW im Hof. Ausgeladen wird ein Motor. Jack berichtet, das sei unserer. Er hat spontan entschieden den Motor, mit den besseren Daten gleich liefern zu lassen. Um Zeit für uns zu gewinnen. Jack, wir feiern dich. Fünf Tage später stehen wir wieder in seinem Hof. Diesmal, um unseren Bus tatsächlich abzuholen. Der neue Motor ist eingebaut und läuft rund. Ein 1,9 Liter Turbo Diesel AAZ.  Als Marc den T3 startet und ein sattes Brummen erklingt, steigen mir Tränen in die Augen. Und das hat nichts mit den 4200 $ Kosten zu tun. Die sind fair. Nein – es ist der Grüne. Er ist zurück. Und auch, wenn es völlig gefühlsduselig ist, bedeutet dieses Brummen reines Glück. Kurz darauf entdecken wir, dass der Gepäckträger an einer Stelle gebrochen ist. Die Einkerbung im Deckel der Alubox erklärt die Ursache. Jemand hat das Auto auf der Hebebühne zu hoch fahren lassen. Die Hydraulik spürt den Widerstand nicht und so wurde der Träger beschädigt. Obwohl es BRU nicht war, hilft uns Chuck dabei eine Lösung zu finden. Sogar eine bessere als zuvor. Er verlangt dafür nichts. Chuck, dich feiern wir auch. Dann fahren wir einige Zeit um den Motor zu testen. Inzwischen wohnen wir wieder bei Markus und Debbie. Dort beladen wir den Bus vollständig und bereiten uns auf die Abfahrt am nächsten Morgen vor. Unsere Reiseroute hat sich durch den langen Stop in San Diego ein wenig geändert. Wir werden in den nächsten Tagen knapp 3000 Kilometer durch den amerikanischen Süden Richtung Osten fahren. Um dort nach Mexiko einzureisen und meinen Bruder doch noch pünktlich in Tampico abzuholen.

Der Abschied von Debbie, Markus und den Kindern fällt uns schwer. Wir werden sie vermissen. Als wir jedoch mit lauter Musik auf den Highway fahren ist das Gefühl der Freiheit zurück. Das ist es, warum wir hier sind. Und auch ein Motorschaden hat uns, mit Hilfe von vielen lieben Menschen, nicht aufgehalten. On the road again.


Kommentare

  1. Yippie – weiter gehts – endlich!!! Wir wünschen Euch jetzt eine sehr gut Mexikoreise, auf dass Ihr morgen Dennis gut in Empfang nehmen könnt. Viele Küsse!!!

  2. …herrlich, eure wunderbaren reiseberichte sind nun auch noch so was von spannend zu lesen…vielen dank dafür!!!

    …mein wunsch: eine tolle harmonische zeit zu dritt!!!

  3. Steuber Siegfried sagt: Dezember 22, 2015 at 4:53 pm

    Hallo Ihr beiden Fremden, wir freuen uns mit euch.
    Wir planen die Reise für 2018 mit einem Ami-Auto, da bekommt man leichter die Teile “ lessons learned“ von Euch.
    Weiterhin viel Glück :=)

  4. Monika (Mama) sagt: Dezember 24, 2015 at 9:52 am

    So viel geheult, wie bei dieser Geschichte hab‘ ich schon lange nicht mehr. Ich drücke Euch und bin mit Euch glücklich.

  5. Juhu, das hört sich wunderbar an! So ein paar kleine Hindernisse auf dem Weg nach ushuaia halten euch doch nicht auf … Habe ich mich doch gedacht! Ich denke an euch und fahr jetzt gerade ein kleine Runde mit euch, die Musik voll aufgedreht und den Fahrtwind in den Haaren :) eure Christina

  6. Hallo ihr Lieben
    wir sind ganz begeistert, über eure tollen Bilder und mitreißenden Berichten diese Reise ein Stück mitzuerleben. Jetzt zum Jahreswechsel wünschen wir euch einen guten „Rutsch“ und ein glückliches, erfolgreiches ( ohne weitere Motorschäden, …)und gesundes Jahr 2016. Viele Grüße aus der Heimat Uta und Joachim

  7. Was für eine Geschichte. Ich konnte gar nicht schnell genug weiterlesen.
    Ich freue mich riesig für euch, dass alles am Ende gut wurde. Und dass Ihr euren Grünen wieder unter dem Hintern habt. Gute Reise weiterhin und heute einen fulminanten Rutsch .
    Alles Liebe aus Herdecke von den Claudys

  8. Edith Benke und Dave Lind sagt: Januar 20, 2016 at 3:33 pm

    Hallo Ihr beiden,
    ich habe heute durch Uta Post von eurem Blog erfahren und natürlich sofort hineingeschaut.
    Als ehemalige Nachbarn wünschen wir euch nachträglich noch ein gutes neues Jahr 2016,weiterhin viel Spaß, Gesundheit und viele tolle Erlebnisse. Ich habe eure Bilder und interessanten Reiseberichte „verschlungen“ und freue mich auf weitere.
    Viele Grüße aus Heimstetten Edith Benke und Dave Lind

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