Foto / Mexiko / you&me

3000 Kilometer bringen wir in nur wenigen Tagen hinter uns. Der Motor schnurrt. Wir fahren durch Arizona, New Mexico und das trockene Texas. Besuchen befreundete Fotografen aus der Zeit in New York und lernen in einem Trailerpark für Senioren alle Bewohner kennen. Manchmal fahren wir bis zu zwölf Stunden. Es wird Zeit sich von den USA zu verabschieden: Mexiko und die Ankunft meines Bruders rufen – laut.

Wir sind aufgeregt. Die Grenze steht uns bevor. In den letzten Wochen haben wir so viel über Mexiko gehört, dass uns der Kopf surrt. Die Meinungen polarisieren. Jeder, wirklich jeder Amerikaner scheint eine Meinung über diesen Staat zu haben. Dennoch bemühen wir uns darum unvoreingenommen zu sein und selbst zu erleben, was das erste lateinamerikanische Land zu bieten hat. Was nicht heißt, dass sich der Puls nicht doch ein klein wenig beschleunigt, als wir auf das Grenzareal zufahren. Ausgesucht haben wir den Übergang Los Indios in der Nähe von Harlingen. Angeblich soll man dort in weniger als 45 Minuten alles erledigt haben. Jahaaa, wären da nicht die Weihnachtsfeiertage, die deutschen Fahrzeugunterlagen und die zu geringen Spanisch Kenntnisse! Ganze viereinhalb Stunden verbringen wir im Gebäude des Migración und Banjército. Bei Ersterem bekommt man seine Trajeta Tourista, in der eingetragen wird, wie lange man bleiben darf. Und wie bei vielen anderen, versuchen sie auch bei uns nur 30 Tage zu genehmigen. Auf Nachfrage bekommen wir die maximalen 180 Tage. Eine Stunde weg. Bei Zweiterem meldet man die vorübergehende Einfuhr des Fahrzeuges an. In dieser Warteschlange versuchen wir die Zeit zu nutzen. Ich packe mein theoretisch gepauktes Spanisch aus. Nur leider hat die erste Dame am Schalter für die Versicherungen so gar keine Lust mir entgegen zu kommen. In einem einzigen Genuschel werden mir kastilische Wörter um die Ohren gehauen. Habt ihr gedacht am amerikanisch/mexikanischen Grenzübergang sollte man mit Englisch weiterkommen? Ja, also, NEIN. Letztendlich hilft uns aber ein sehr netter Mexikaner, der beide Sprachen fließend kann. So erfahren wir, dass eine Autoversicherung nur dann geht, wenn man bereits eine Amerikanische hat. Auch sind sechs Monate mit 200 Dollar günstiger als zwei Monate für 310 Dollar. Verstehen muss man das nicht. Zweite Stunde weg. Endlich bei einer Mitarbeiterin am Banjército angekommen macht diese große Augen, als sie den deutschen Fahrzeugschein sieht. Über ganze zwei Stunden hinweg diskutieren sie zu Dritt wo nun die Vin-Nummer sein könnte, besichtigen das Auto und rätseln über das Nummernschild. Eine nicht unerhebliche Zeit davon turtelt die Mitarbeiterin heftig mit ihrem Kollegen und tippt wild auf ihrem Smartphone rum. Ab und an flötet sie noch ein „Tranquilo“, als sie unsere Ungeduld bemerkt. Vielleicht hätten wir, wie manche andere auch Pesoscheine zwischen die Seiten legen müssen? Irgendwann halten wir entnervt den Aufkleber in den Händen, der anzeigt, dass wir den Bus offiziell eingeführt haben. Damit kehren wir zum Versicherungsschalter zurück und werden glücklicherweise von einer anderen Dame versorgt. Nach nur 30 Minuten und einer lustigen Mischung aus Spanglish haben wir die Unterlagen. Die Kosten für Kaution, Einfuhrgebühr, Touristenkarte und Versicherung ändern sich regelmäßig. Am Besten recherchiert man vorher online. Wir sind zu spät dran, um an diesem Tag noch nach Tampico zu gelangen. Dennoch fahren wir bis zum Anbruch der Dunkelheit. Unsere erste Nacht in Mexiko verbringen wir an einer Pemex- Tankstelle. Diese findet man überall, da alle Tankstellen staatlich geführt sind. Wir schlafen kaum. Jedes Geräusch lässt uns hochschrecken. Wir sind mit dem Land noch nicht vertraut genug um einschätzen zu können, ob unser Übernachtungsplatz sicher ist. Mangels Optionen hoffen wir einfach das Beste. Und Überraschung: wir werden nicht gleich in der ersten Nacht erschossen.

Die Morgensonne weckt uns. Heute ist der Tag. Nach vier Monaten kommt mein Bruder an, um 2000 Kilometer mit uns zu fahren. Die restliche Fahrt nach Tampico verzaubert uns. Dunst liegt über den Strassen. In den andersartigen Bäumen hängt der Nebel. Am Seitenstreifen laufen Fußgänger mit Hühnern und klapprigen Fahrrädern. Gegen Mittag kommen wir am Flughafen an. In unserem leicht veralteten Campingguide (neuere Version hier) heißt es, hier könne man campen. Davon ist heute nichts mehr zu sehen. Mit chaotischem Spanisch versuchen wir den Parkwächter davon zu überzeugen, dass wir dennoch die Nacht auf dem Parkplatz verbringen dürfen. Mit Erfolg. Dennis landet abends. Da ist es einfach zu spät, um noch weiter zu fahren. Die wichtigste Regel hier: nachts wird nicht gefahren! Der erste Flug von Dennis hat zwei Stunden Verspätung. Bis abends bleibt es spannend, ob er den Anschlussflug geschafft hat. Zappelig stehen wir in der Departure Halle des kleinen Flughafens und warten darauf, dass er aus der Schiebetür kommt. Als der Riesenkerl endlich auftaucht, ist kein Halten mehr. Wie das aussah, seht ihr dann im Mexiko-Film. Bei gekühltem Corona und selbst gemachten Fajitas leiten wir unsere gemeinsame Zeit ein. Auf dem Flughafengelände. Es ist der 24. Es ist Weihnachten. Es hat 33 Grad und Subtropenklima. Großes Kino. Wir verteilen uns im Bus und starten. Da wir keinen dritten Fahrersitz haben, muss abwechselnd einer von uns auf einem Campingstuhl im Zwischenraum sitzen. Da trifft es sich ganz gut, dass es die Anschnallpflicht in Mexiko nur für die Frontpassagiere gibt. Die Fahrt dauert fünf Stunden. Nervenaufreibend sind nicht nur die enormen Schlaglöcher, sondern auch die regelmäßigen Polizeibarrieren. Meist kommt man zwar um eine Kontrolle herum, jedoch weiß man nie was einen erwartet. Korruption ist in Mexiko immer noch ein großes Problem. Unser erster Campingplatz liegt an der Costa Esmeralda. Gleich nach Ankunft stürmen wir zum Strand und erkunden den Platz. Drei entspannte Tage bleiben wir hier, sammeln Mückenstiche und ignorieren Weihnachten. Naja, stimmt nicht ganz. Die mitgebrachten Weihnachtsgeschenke packen wir dann doch mit großer Freude aus. Und vermissen dabei unsere Familien. Früh geht es weiter nach Veracruz. Wir haben aus der ersten Fahrt gelernt und wissen jetzt: 200 Kilometer können viele Stunden dauern. Und so ist es auch dieses Mal. Es zieht sich. In der Stadt angekommen essen wir am Plaza de Armas zu mittag und hören den Strassenmusikern zu. Dabei sterben wir tausend Tode, weil der Grüne unbewacht in einer Seitenstrasse geparkt steht. Aber auch hier passiert nichts. Die Suche nach dem nächsten Campingplatz versandet in einer Baustelle. Glücklicherweise hat der Besitzer aber zwei Kilometer weiter einen neuen Platz aufgemacht. Das Gelände gleicht eher einem Abenteuer-Strand-Einheimischen-Erholungs-Paradies-Dings, aber für eine Nacht ist es völlig in Ordnung. Mit Bier und orangerotem Vollmond sitzen wir am Strand und sammeln noch ein paar Mückenstiche. Gegen 2 Uhr morgens wachen wir auf. Tosender Lärm und ein wackelnder Bus sind der Grund. Draußen tobt ein Sturm der Sonderklasse. Eine Weile hören wir besorgt zu und fragen uns, wie es Dennis wohl im Dachzelt so geht. Wir fragen nach. Er hat die Wahl zwischen klappernder Zeltplane oder 100 Grad im geschlossenen Bus. Dachzelt, ist die Wahl. Die nächste Etappe führt uns nach Catemaco. Die Stadt der Hexen und Zauberer. Wir finden den beschriebenen RV Park und nutzen die relativ gute Ausstattung dazu, einen dringend notwendigen „Hausputz“ zu machen. Nach dem Abendessen wagen wir uns mutig in das Dorf. Wir wandern durch kleine Gassen und erkunden unsere Umgebung. Verhext oder verzaubert wurden wir dabei aber nicht.

Nun sitzen wir im aufgeheizten Bus. Im Augua Parque Recretivo am Stadtrand von Villahermosa. Ein unglaublich gruseliger Campingplatz. Und schwitzen um die Wette. Draußen kann man sich nicht länger als zwei Sekunden aufhalten, weil einen sonst die mutierten Supermosquitos auffressen. Mit der Gitarre, einer leeren Plastikflasche und einem jungen Mann der spontan schwachsinnige Texte erfinden kann machen wir Musik. Dennis, es ist schön, dass du dabei bist!

 

Die Verfügbarkeit von starkem Internet ist in Mexiko sehr eingeschränkt. Verzeiht uns daher bitte, dass neuen Blogeinträgen unregelmäßiger online gehen und die Texte länger werden. 


Kommentare

  1. …weitermachen…

    und: – möge „fuerza & fortuna“ mit euch sein!!!

  2. Obwohl ich Eure Erlebnisse schon von Euch gehört hatte, halte ich beim Lesen die Luft an. Es ist so schön, dass das Treffen mit Dennis noch so gut geklappt hat.

  3. Superschöne Bilder, wie immer.

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