Canada / Foto / you&me

Die Strasse ist grau. Die Stimmung ist seltsam. Wir fahren auf dem Alaska Highway und das Navi sagt: 1570 Kilometer und dann rechts. Aha. 1570 Kilometer gerade aus. Ernsthaft? Innerlich versucht man sich darauf einzustellen. Fragt sich, wie man einen so langen Weg durchhalten soll. Durchhalten ohne sich auf den Keks zu gehen, durchhalten ohne dass einem der Sprit ausgeht. Diese Sorgen liegen nahe, wenn man sich die Landkarte anschaut. Sie zeigt winzig kleine Punkte, mit Stadtnamen daneben. Doch lehrte uns die Erfahrung, dass sich diese Städte als ein einziges verkommenes Motel entpuppen können. Die Scheiben eingeschlagen, von den Besitzern verlassen. Was ist, wenn es sich bewahrheitet und es nicht nur überängstliche Befürchtungen sind?

Wir schauen uns an und fahren. Bereits hinter uns liegt die Grenze zu British Columbia. Wir durchqueren Ölfelder. Es wird Nacht. Es ist kalt. Es regnet. Das Thermometer zeigt zwei Grad. Zwei Mal biegen wir in einen Feldweg, in der Hoffnung dort übernachten zu können. Beide Male sind es Zufahrtsstrassen zu Anlagen, die das schwarze Gold mit dem schlechten Beigeschmack an die Oberfläche holen. Irgendwann passieren wir einen Campingplatz, der aussieht wie die provisorische Wohnsiedlung der Arbeiter. Es kommt uns komisch vor. Wir fahren weiter. Der nächste Campingplatz sieht genau so aus. Diesmal haben wir keine Wahl. Der nächste Miniaturpunkt auf der Karte ist weit weg. Wir bekommen einen Platz zugewiesen. Bis wir diesen in der Dunkelheit finden, fahren wir erst noch am hauseigenen Schrottplatz vorbei. LKW-Leichen. Nicht schön. Es beruhigt uns, dass die jeweiligen Waschräume Zugangscodes haben. Wenn uns jetzt schon mulmig ist, wie wird dann Mittelamerika? Wir versuchen schnell zu schlafen. Der Gefrierpunkt erschwert das. Wollsocken, eine dicke Daunendecke oder ein Daunenschlafsack sind an dieser Stelle zu empfehlen. Der nächste Morgen erwartet uns mit Sonne. Wir waschen im Laundry Room. Die meisten Campingplätze stellen Waschmaschine und Trockner zur Verfügung. Mit Can$ Münzen erweckt man diese zum Leben. Und weiter geht es. Die gelbe Färbung der Bäume und die gewundenen Strassen sehen bei Tageslicht gar nicht mehr so verstörend aus. Und die Sonne, welch großartige Erfindung ist die Sonne! Wir klatschen uns ab, als der Kilometeranzeiger die nächste Tausender Marke verkündet. Wow, 7000 Kilometer sind wir bis jetzt gefahren. Als hätte es jemand gehört, geht uns der Sprit beinahe aus. Wir fahren an den Rand und holen den 20 Liter Ersatzkanister vom Dach. Füllen nach und hoffen, dass bald eine Tankstelle kommt. Sie kommt und mit ihr ein lustiger Trucker, der uns zwei Anstecker mit der canadischen Fahne schenkt. Der Gedanke, diese offene, freundliche Art mit nach Hause zu nehmen setzt sich fest. Ein bisschen netter zu den Mitmenschen zu sein, tut offensichtlich nicht weh. Wir finden einen Weg abseits, um dort zu schlafen. Als uns am nächsten Morgen die ersten Sonnenstrahlen wecken sehen wir die gefrorenen Scheiben. Innen.
Aufgrund der Kälte vertagen wir das Frühstück auf später. Als die Welt sich endlich etwas erwärmt, finden wir einen schönen Platz zwischen gelben Laubbäumen und Fluss. Der Gaskocher macht anständigen Lavazza Kaffee und irgendwie „roch“ der Tag nach etwas Gutem.
Wir fahren eine atemberaubende Strecke. Kurven- und abwechslungsreich liegt sie vor uns. Von golden strahlenden Bäumen, über jadegrüne Seen hin zu felsigen Steinformationen bietet British Columbia nun all das, was man vorher darüber hört. Auf der Grenze zu Yukon befindet sich der Mucho Lake National Park. Eine wahre Hochburg an Tieren. Zuerst sehen wir endlich Elche – es gibt sie also doch, wir haben schon Verschwörungstheorien aufgestellt! Nach einer Kurve stoppt uns eine Gruppe Bergziegen und kurz danach sehen wir ein Bison. Zunächst ein einzelnes Tier, grasend auf der Wiese am Strassenrand. Gemütlich und irgendwie schwerfällig bewegt es sich vorwärts. Einige Kilometer weiter tut sich direkt vor uns eine ganze Gruppe auf und noch zwei Kurven später eine weitere kleine Herde. Wir halten und können es nicht fassen, als auf der Gegenfahrbahn eine Radfahrerin ankommt. LKWs und Autos ist für die Büffelart kein Problem, aber ein Fahrrad – ja, das ist schon etwas Angsteinflössendes! Einige Tiere werden unruhig und plötzlich setzt sich die ganze Herde in Bewegung. Vorbei ist es mit der Schwerfälligkeit. Staubwolken aufwirbelnd galoppieren sie nur wenige Zentimeter an unserem Bus vorbei. Wir merken erst danach, dass wir irgendwie die Luft angehalten haben. Und als wäre das alles noch nicht genug futtert sich wenige Kilometer später ein Schwarzbär durch die Wiese. Ist das denn zu glauben? All diese Tiere in einem öffentlichen, nicht zu bezahlenden Nationalpark entlang des Alaska Highways. Rechts von uns weist ein Schild zum Whirlpool Canyon. Wir biegen ab. Vor uns taucht eine Szenerie auf, die mit Worten kaum zu beschreiben ist – filmreif! Wir sehen eine steinige Schieferlandschaft, dahinter ein Fluss mit kleinen Wasserfällen, durchsetzt von felsigen Inseln mit gelben Birken. Und wie als hätte dieses Fleckchen Erde auf uns gewartet ein Platz zum Stehen mit Feuerstelle. Da wurde nicht lang überlegt. Wir erkunden die Umgebung, klettern über die Schieferfelsen und auf höhere Aussichtspunkte. Es wird Schwemmholz gesammelt und ein Lagerfeuer gemacht, in dem wir Brot mit gesalzener Butter rösten. Als wir einschlafen, denken wir: dieser Tag wird zu den Highlights der Reise gehören.

 


Kommentare

  1. Kerstin Droge-Greitl sagt: September 18, 2015 at 10:36 am

    Liebe Lena, lieber Marc,
    was für ein toller Eintrag! Es ist herrlich mit Euch durch Euer Abenteuer gehen zu können! Die Bisons kann ich regelrecht vor mir sehen, sie riechen und hören! Ich freue mich sehr mit Euch über diese schönen Erlebnisse! Die Bilder sind wunderbar – allerdings: das erwarte ich auch:))! Viele Küsse und gute Weiterreise!

  2. zauberhaft beschrieben…wie immer tolle fotos…vielen dank…knuddels bri…

  3. Monika (Mama) sagt: September 20, 2015 at 12:59 pm

    Ihr Lieben, habe Euren Blog in meinem Freundeskreis publik gemacht. Anstatt Euch etwas in den Blog zu schreiben, bekomme ich ungerechtfertigter Weise die Komplimente ab. Hiermit gebe ich sie weiter: Wundervolle Fotos, begleitet von spannenden Texten – und das sagen Profis aus meinem Umfeld! Ich selbst fiebere jedem neuen Eintag entgegen!!! Danke für diese grandiosen Berichte!

  4. hach <3
    wunderschön…
    erst dacht ich mir, oh man, so viel zu lesen und jetzt den ich mir – was? schon aus???
    wunderschön.
    und ein bisschen mehr herzlichkeit ist immer gut.
    vermiss euch und freu mich schon auf den nächsten Eintrag :*

  5. Wirklich toll beschrieben. Fühlt sich zum Teil an als wär man dabei. ;)
    Danke – das lindert das Vermissen ein bisschen! ❤️

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