Ecuador / Foto

Am 16.04.16 erschüttert ein Erdbeben der Stärke 7,8 Ecuador. Im Minutentakt geht die Zahl der Toten und Verletzten nach oben. Die Menschen in Esmeralda sind verzweifelt, Ecuador im Ausnahmezustand. Als wir die schrecklichen Neuigkeiten erfahren, sitzen wir unversehrt in Salento, Kolumbien. Die Nachricht verbreitet sich rasend schnell, aber im Flüsterton. Die Newsfeeds werden geupdated, besorgte Nachfragen, wo man steckt, beantwortet. Und dann, dann  geht die Gedankenspirale los. Wie geht es den Menschen dort? Kann man einreisen? Wie sind die Strassenverhältnisse? Mein Vater und seine Lebensgefährtin wollen einige Tage später nach Quito kommen – macht das Sinn? Und die viel schwerwiegendere Frage: ist es moralisch vertretbar in einem Land „Urlaub“ zu machen, das gerade von solch einer Katastrophe heimgesucht wurde? Mit der Antwort darauf haben wir uns schwer getan. Pläne wurden durchdacht, neu sortiert und wieder an den Ursprung gerückt. Aber JA – wir führen unsere Reise fort. Bedrückt in Kolumbien ausharren und der Situation ausweichen, bringt keinen Menschen weiter. Auch die Betroffenen vor Ort nicht. Als Tourist Geld ins Land zu bringen hilft vielleicht nicht in Esmeralda, aber es hilft Ecuador. Wir machen uns also auf in das vielfältigste Land Südamerikas, das mit den Auswirkungen des schwersten Erdbebens seit 1979 kämpft.

Dieses Blau! Und das Grün! Und die Luft, und überhaupt: siehst du das? Staunend erkunden wir die ersten Kurven Ecuadors. Die Farben sind unglaublich, die Weite nicht in Worte zu fassen. Und der hervorragende Asphalt lässt den Grünen schnurren. In Ibarra legen wir einen dreitätigen Stop ein, um den Bus auf Vordermann zu bringen. Es wird gesaugt, gewaschen, aus- und eingeräumt, repariert und gewerkelt was das Zeug hält. Patricia, die gute Seele der Finca Sommerwind backt frisches Brot für uns und als wir abends in der gewaschenen Bettwäsche liegen, ist die Reisewelt wieder so wie sie sein sollte: Grandios. Wir wären dann also bereit meinen Vater Gunnar und seine Freundin Petra in Empfang zu nehmen. Die nächsten zwei Wochen stellen eine Ausnahme da. Mit den Beiden machen wir eine gut organisierte „Rundreise“, in denen wir komprimiert wahnsinnig viel sehen werden.15 Tage werden wir jede Nacht genau wissen, wo wir schlafen und immer heißes Wasser zum Duschen haben. Sie im Hotel und Mietwagen, wir nachts auf den dazugehörigen Parkplätzen und im Bus. Yes. Urlaub vom Urlaub sozusagen. Wir stehen vor der ersten Unterkunft und zählen die Minuten, bis die Zwei endlich ankommen. Mitten in der Nacht ist es dann soweit. Nach knapp acht Monaten fallen wir uns in die Arme. Bei einem Glas Weißwein wird noch gequatscht bis die Augen schwer werden.  Wir starten mit Quito. Über Latin Trails haben wir einen Guide. Marcelo – ein unglaublicher Mann. Als Professor für indigene Kultur und Geschichte hat er vier Jahre in Bonn gelehrt, bevor er nach Ecuador zurück kehrte und seither als Reiseleiter arbeitet. An Sympathie und Wissen ist dieser Herr nicht zu übertreffen. So machen wir die Hauptstadt unsicher. Im Museo Intiñan stehen wir auf der Äquatoriallinie und lassen uns von dem Wasserstrudel-Trick hinters Licht führen. Fahren zum Aussichtspunkt El Panecillo (Brötchen) mit der Marienstatue, schauen uns die verschiedenen prunkvollen Kirchen an und erlaufen uns das Viertel San Francisco. Wir nutzen auch die Gelegenheit, um uns über das Erdbeben zu erkundigen. Hier im Inland, sagt Marcelo, ist nichts zu merken. Wir werden es erst an der Küste mitbekommen. Am nächsten Tag verabschieden wir uns von Marcelo und fahren Richtung Süden. Heute steht der Cotopaxi auf dem Programm. Was sollen wir sagen? Wir fahren in den Nationalpark, zur Lagune mit dem besten Ausblick und sehen: nichts. Die Wolkenschicht ist undurchdringlich und als wir auf dem Parkplatz stehen, regnet es Bindfänden. AUF den Cotopaxi kann man übrigens seit letztem Jahr nicht mehr steigen. Die erhöhte Aktivität des Vulkans ist die Ursache des momentanen Verbots. Manchmal soll es also nicht sein. Wir fahren weiter. In der wunderschönen Hacienda Hato Verde genießen wir einen Nachmittag am Kamin und essen zum ersten Mal Popcorn in Spinatcreme-Suppe. Klingt komisch? Schmeckt hervorragend. Am folgenden Tag stellen wir uns der dünnen Luft an der Laguna Quilotoa. Der Ausblick auf das türkisgrüne Wasser ist wunderschön. Wenn man es sich beweisen will läuft man noch den steilen, unbefestigten Weg zum Wasser hinab. Und auch wieder rauf. Wem da nicht die Pumpe geht, bekommt ein Bier von uns! Wir haben nach halber Strecke aufgegeben. In Baños sitzt Marc das erste Mal in einem Sattel. Auf einem Pferd. Einem richtigen, lebendigen Pferd. Er schlägt sich ausgezeichnet, obwohl wir ihm nicht mal eine Betriebsanleitung gegeben haben. Alle vier dürfen wir frei reiten, uns begleiten die Hunde der neuen Hacienda und die Route führt uns durch nassgrüne Landschaft. Ein perfekter Ausflug. Auch das Touri-Ziel Casa de Arbol mit der Schaukel über dem Abgrund lassen wir nicht aus. Achtung Spoileralarm – das Foto sieht beeindruckender aus, als es tatsächlich ist. Desillusionierend, was? Chimborazo. Dort oben hat man nicht mal ausreichend Luft, um dieses Wort zu sagen. An diesem wunderschönen Tag fahren wir zum Parkplatz des höchsten Bergs der Welt. Also vom Erdmittelpunkt aus gemessen, natürlich. Der Wind peitscht uns um die Ohren, es ist sauber kalt und wir sind nach den ersten Metern schon fertig. Aber Marc ist schlau. Er schlägt vor mit dem Auto noch auf den nächsthöheren Parkplatz zu fahren, auf 4800 Metern. Gesagt, getan. Von dort aus wollen wir es uns aber beweisen. 5000 Meter sollen es heute werden; 200 Höhenmeter – müsste doch ein Klacks sein! Schnaufend und in klitzekleinen Schritten schaffen wir es nach einer Ewigkeit. Hätten wir genügend Luft, würden wir über uns lachen. Das ganze Gelände ist wahrlich einen Besuch wert. Karge, aber wunderschöne Landschaft, wilde Vicuñas und der Ausblick auf den Gipfel begeistern. Ob Papa und Petra hinter uns auch was gesehen haben, als wir das Areal weiter mit dem Auto erkunden?! Der Grüne gibt bei dem veränderten Sauerstoffgehalt dicke schwarze Abgaswolken von sich. Der nächste Stop ist Riobamba. Über die Stadt ist nicht viel zu sagen, aber über den Markt in Guamote! Immer donnerstags herrscht hier reges Handeln und Treiben. Die Einheimischen bekommen dort alles, was sie so brauchen. Gemüse, Töpfe, Schafe, Schweine, Maismehl, Kleidung und gegrillte Hühnerkrallen. Ähm ja, diesen leckeren Snack haben wir dann doch nicht probiert. Wir waren die einzigen Weissen zwischen all diesen traditionell farbenfroh gekleideten Ecuadorianern. Sie sind eher zurückhaltend, schauen dich auch bisweilen mit offenen Mündern an. Vor allem, wenn man fast zwei Meter misst, wie mein Vater. Geht man jedoch offen auf die Menschen zu und stellt ihnen eine Frage über ihr Produkt, tauen sie auf. Nur die Kamera sollte man versteckt, oder mit Bedacht bedienen. Mayas und Inkas glauben, dass ihre Seele geklaut wird, wenn man sie fotografiert.

So ist der erste Teil unseres Ecuador-Trips schon vorbei. Auswirkungen des Erdbebens haben wir bis jetzt nicht gesehen und auch nicht erlebt. Die Menschen machen weiter, deren Leben geht schlichtweg weiter. Unser mulmiges Gefühl mit dem Besuch etwas Falsches zu tun, etwas moralisch Verwerfliches, hält leise an. Aber wie könnten wir ein so wunderschönes Land mit so bezaubernden Menschen, auslassen? Wie könnten wir?


Kommentare

  1. Kerstin sagt: Juni 1, 2016 at 11:11 am

    Herrliche Bilder – man ist wieder übermannt von Reiselust! Ich bin sooo neidisch auf Gunnar und Petra – so eine große Umarmung und erzählen, erzählen, erzählen – das würde mir auch sehr gefallen.

  2. Hallo ihr zwei
    Wunderschöne Bilder die ihr da geschossen habt. Casa Del Arbol mit der tollen Schaukel haben wir dank eurem Beitrag direkt auf unsere Panamericana-Highligh-Liste genommen. Auch wenn es bei uns noch etwas dauert, freuen wir uns schon riesig!
    Eine tolle Weiterreise und schöne Erlebnisse wünschen wir euch!
    Michelle & Andrea

  3. Hey wirklich toller Blog! Ist aber auch ganz schön mutig von euch, dass ihr trotzdem die Reise durchgeführt habt. Seit ihr auch nach Galapagos gegangen oder wart ihr nur auf dem Festland? Galapagos soll ja nämlich verschont geblieben sein. Ich hoffe ihr schreibt noch lange so tolle und informative blogs!

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