you&me / Zentralamerika

Reisen bedeutet Begegnung. Reisen bedeutet fremde Kultur. Reisen bedeutet Freundschaft. Wer Unterwegssein nicht als Bereicherung empfindet, dem muss eigentlich ein Gen fehlen. Das Neue, das Andersartige, dass dir hilft dich selbst und deine Welt besser zu verstehen. Und die Menschen, die man trifft – eigentlich Fremde. Die dich plötzlich überzeugen und begeistern. Die du besser kennen lernen willst. Und dafür sogar Etappenpläne über den Haufen schmeißt…

Der erste Stop nach León ist die Laguna Apoyo, ein kleines Paradis. Wir sind etwas erschöpft und freuen uns darüber einige Nächte hier bleiben zu können. So lernen wir Arash und Shasha kennen. Die Jungs aus dem Iran fahren mit ihrem klapprigen VW T2 von Mexiko nach Panama. Durch diese Zwei wird die Welt besser. Durch sie lernen wir die iranische Kultur etwas kennen.  Es wird keine Gelegenheit ausgelassen um in herzliches Gelächter zu verfallen. Völlig egal, ob das Missgeschicke des anderen sind oder Lachkrämpfe während Erzählungen ihrer unglaublichen Reisegeschichten. Sofort schließen wir die Beiden in unsere Herzen. Wir hoffen inständig sie wieder zu treffen. Irgendwo auf dem Weg, zwischen dem Hier und Jetzt vielleicht. Weiter geht es Richtung Granada. Nur einen Tag verbringen wir dort – selbst der, war unnötig. Wir sind so enttäuscht, dass gleich am nächsten Morgen weiter gezogen wird. Die Isla Ometepe wartet. Eine einstündige Fährfahrt bringt uns zur Insel der zwei Vulkane. Wir leihen ein Motorrad und erkunden ausnahmsweise auf zwei Rädern die Umgebung. Ein tolles Fleckchen Erde. Das berühmte Ojo de Agua kann man weglassen. Außer natürlich, man steht auf überfüllte Freibad-Atmosphäre. Dann is’ super. Sehnsüchtig erreichen wir den Playa Maderas. Ein himmlisches Stück Strand nördlich von San Juan del Sur. Unser letzter Stop in Nicaragua. Die Hitze der letzten Tage war unerträglich, so erfreuen uns der stetige Wind und das kühle Nass des Pazifik. Am Nachmittag rollt ein gelber T3 Syncro neben uns. Mit fancy Ausstattung und selbstgemalter Weltkarte. Aber woher ist bloß das Nummernschild? Es dauert nicht lange und ein weißhaariger Mann mit braungebrannter Haut und unzähligen Lachfalten steigt aus dem Bus. Marc und er kommen ins Gespräch, verabreden sich abends zu einem Bier. Rainer ist 77 Jahre alt, kommt aus dem Grenzgebiet Deutschland-Polen. Er und seine Familie wurden aus der Heimat vertrieben. Vor zehn Jahren kehrt Rainer jedoch in sein Heimatdorf zurück, um den Hof seiner Patentante zu renovieren und dort zu leben. Heutiges Polen. Er wird einer der großartigsten Menschen sein, die wir auf der Reise kennenlernen dürfen. Mit seinem T3 hat er 450.000 Kilometer runter gefahren. Den dritten Motor hat er gerade selbst eingebaut. Sein Gelber hat ihn schon fast durch die ganze Welt begleitet. Sein Gedächtnis ist unglaublich, seine Reisegeschichten noch viel unglaublicherererer. Stundenlang bringen wir damit zu, seinen Erlebnissen zu lauschen. Wir werden nicht müde weiter nachzufragen. Die ganze Zeit will uns nur ein Wort dazu einfallen: Respekt. Wir genießen die gemeinsame Zeit so sehr, dass wir unsere Pläne über den Haufen werfen. Zwei Tage mehr an diesem wunderbaren Ort bleiben und einen Grenzübergang zusammen meistern. Oder besser, vermasseln. Aber dazu ein andern Mal. Costa Rica also. Auf der Nicoya Halbinsel finden wir eine grandiose Gelegenheit direkt am Strand stehen zu bleiben. Ach was sage ich, grandios? Eher phänomenal, super, unaushaltbar schön. Und wieder bleiben wir eine Nacht länger als geplant. Den letzten Abend mit Rainer kochen wir zusammen und machen ein Lagerfeuer am Strand. Wer kommt eigentlich auf die Idee, bei 37 Grad auch noch ein Lagerfeuer zu machen? Am nächsten Morgen steht der Abschied an. Rainer möchte an den Südzipfel der Halbinsel, während wir nach Monteverde weiter ziehen. Als wir uns an der Kreuzung nochmal zuwinken, haben wir alle was im Auge. Und wir wissen: Wir sehen uns wieder, völlig egal ob in Polen oder Deutschland. Mühsam schraubt sich der Bus die steilen Berge hinauf. Monteverde lockt mit kühleren Temperaturen, Nebelwäldern und Artenvielfalt. Wir bleiben auf der Grünfläche eines kleinen Hotels stehen und buchen eine Nachttour durch den Dschungel. Dort wandert man in Gruppen durch ein eingezäuntes Areal. Die Guides zeigen dir viele, unterschiedliche Lebewesen. Es ist gut, aber es fühlt sich doch sehr nach Zoo an. In dem Hostel zahlen wir auch die teuerste Laundry unseres Lebens. 30 Dollar für zwei Maschinen Wäsche. Alternativ könnte man Scheine auch aus dem offenen Autofenster schmeißen. Über meine Schwester haben wir den Kontakt zur Mutter eines Freundes – mütterlicherseits und so. Auf jeden Fall erwartet uns diese Mutter in San José. Wir dürfen zwei Nächte bei ihr bleiben. Ein bisschen aufgeregt parken wir nach einer langen Fahrt vor ihrem Haus. Klingeln. Eine kleine, sehr sympathische Frau öffnet uns und strahlt. So viel offensichtliche Gastfreundschaft und Herzlichkeit erlebt man selten. Zaira ist in Costa Rica geboren, war mit einem deutschen Mann verheiratet und hat lange Zeit in der Nähe von Hamburg gelebt. Seit einigen Jahren ist sie zurück in San José und genießt das Leben. Sie spricht Deutsch, Englisch und Spanisch. Gerne auch mal alle Sprachen gemixt in einem Satz. Sie hat oft Besuch von allen möglichen Menschen dieser Erde. Gerade wohnt Jeppe bei ihr. Ein dänischer Anthropologie-Student, der seine Masterarbeit über das Thema „Pura Vida“ schreibt. So sitzen wir also gleich am ersten Abend zusammen und unterhalten uns über Gott und die Welt. Zaira kann sich für so viele Dinge begeistern, dass es eine Freude ist ihr beim Erzählen zuzusehen. Am nächsten Tag erkunden wir San José. Die Stadt hat keinen besonders guten Ruf. Zu Unrecht. Sie entwickelt sich – und das, in die richtige Richtung. Wir schlendern durch die Fußgängerzone, erkunden die Viertel Amón und Escalante. Trinken Ingwer-Espresso und Essen Karottenkuchen im Café Rojo. Stolpern in eine Designmesse der Uni, gehen am Schluss mit dem öffentlich Bus verloren und lassen uns von einem Taxifahrer beschimpfen. Alles Teil des Abenteuers! Abends erwarten uns wieder Zaira und Jeppe. Es gibt Pasta mit Kräutern aus dem Garten. Da sind wir nun: drei Generationen, aus drei Ländern mit drei verschiedenen Sprachen. Das Leben könnte nicht besser sein. Mit dem Morgen kommt die Verabschiedung. Wir wollen nicht. Winkend fahren wir widerwillig aus der Strasse, Tränen in den Augen. Mama Zaira du wirst uns fehlen!

Was wären nur diese vielen hundert Kilometer von Nicaragua nach Costa Rica ohne all diese Menschen gewesen? Ohne die Geschichten, die man sich erzählt? Ohne die, die man miteinander teilt? Ohne den anderen Alltag, ohne die anderen Traditionen, die man so kennenlernt? Es wäre nicht so bedeutend. Und – wollen wir alle AfD-Wähler in einen Bus sperren und losschicken?

 


Kommentare

  1. …sind froh euch in bester gesundheit und Fröhlichkeit zu wissen – es kam schon ein wenig sorge auf nach 12 tagen „infoabstinenz“ …

    …kann man eigentlich nach so vielen herrlichen bildern, wunderbaren begegnungen und elebnissen wieder in ein normales alltagsleben zurück???

    …habt weiterhin eine unvergessliche zeit – mit besten wünschen von mir!!!

  2. Karsamstag Abend – die Ostereier sind gefärbt, Osterlämmchen und Osterzopf gebacken – alle 8 sitzen zusammen und ich lese Eure Reiseeindrücke und Begegnungsporträts vor. Anschließend schauen wir gemeinsam die Bilder an und die Kinder sagen: so habe ich mir die beiden ( Iraner ) vorgestellt, ja, die sehen lustig aus…. oh, den Rainer habe ich mir dicker vorgestellt, ne, ich finde der sieht genau so aus, wie ich dachte…, Mann, der Marc sieht so alt aus…..:)))), die Zaira und der Jeppe sehen wirklich sehr nett aus…, ah, schau Marc fühlt sich gut auf dem Zweirad………..
    Es ist wieder eine super tolle Erzählung! So schön die Eindrücke sind, so sehr sind die Menschen die Würze! Und ja, unsere AfDler könnten einen kleinen Ausflug gebrauchen!!!

  3. Goldi & Lothar sagt: März 28, 2016 at 6:09 pm

    Es ist faszinierend Eure Reiseerlebnisse zu verfolgen. Ihr macht uns richtig Lust, auch wieder auf Tour zu gehen. Wir wünschen Euch von Herzen weiter so viele wunderschöne Erlebnisse und Begegnungen mit beeindruckenden Menschen und viele neue Freunde.
    Ganz liebe Grüße
    Goldi und Lothar

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