Foto / Peru / you&me

Wir überqueren die Grenze nach Peru. Auch diese war einfach. Sortiert. Wir sind froh darüber, unsere Kräfte reichen im Moment nicht für schwierigen, unsinnigen bürokratischen Nonsens. Wir tauchen ein in ein helles Braun. Nordperu ist arm. Nordperu ist staubig. Anfangs unterbrechen nur die bunten Häuser das einheitliche Beige. Wir sprechen wenig. Manchmal Stunden gar nicht. Was soll man sagen? Wir spüren beide, dass unsere Beziehung die Reise nicht überstehen wird. Wollen nicht darüber sprechen, weil es dann Tatsache wird.

San Pablo ist unser erstes richtiges Ziel in Peru. Ein kleines Bergdorf, wo man auf dem Marktplatz übernachten kann, um am nächsten Tag zum Gocta Wasserfall zu gelangen. Dieser in zwei Stufen aufgeteilte Wasserfall gehört zu den längsten der Welt und misst gesamt knapp 800 Meter. Die Kraft mit der das Wasser hinab stürzt sorgt dafür, dass wir in Sekunden völlig durchnässt sind, als wir versuchen näher an ihn dran zu kommen. Mit einem Zwischenstop in Chachapoyas gelangen wir nach Leymebamba. Die Landschaft ist hier grüner. Unserer Laune hilft das nicht. Zwischendrin kann man die zweitwichtigsten Ruinen Perus besichtigen: Kuélap. Ein großes Gelände, von einer Mauer umschlossen. Das Areal beherbergt viele kleine kreisrunde Ruinen und zwei Lamas. Wir sind uns nicht sicher, ob es den Besuch wirklich wert ist. Vor allem, wenn man plant Machu Picchu zu sehen. In Leymebamba übernachten wir auf dem Sportplatz des Dorfes. Ein Herr mit Cowboyhut schaut nach uns und ist der einzige männliche Bewohner, der uns nicht aufsucht, um uns Geld abzuknöpfen. Meine Toleranz gegenüber denjenigen, die auf uns zukommen, um uns zu sagen, wir hätten als Gringos die Verpflichtung, ihnen etwas abzukaufen, ist erschöpft. Nein, wir haben nicht die Verpflichtung in den 3241 Dörfern, die wir auf dieser Reise durchfahren, 3241 Produkte zu kaufen. Wo soll das Zeug denn hin? In den neun Quadratmeter Bus? Na klar! Ein kleines vierjähriges Mädchen lässt den Unmut aber schnell verschwinden, als sie ganz mutig über die Wiese gelaufen kommt und uns anspricht. Ein Toast mit Schokolade später sind wir Freunde. Unvorsichtig ist sie aber nicht. Ihre schönen, schlauen braunen Augen beobachten uns aufmerksam, als wir den Bus zur Abfahrt fertig machen. Viele Stunden fahren wir durch bergige Landschaft mit unglaublicher Weite. Der Geist ist frei. Und gleichzeitig kann man hier viel zu viel nachdenken. Eine Nacht schlafen wir bei den Aguas Termales Yumagual. Diese findet man in keinem Reiseführer und wir kamen nur auf Empfehlung und Nachfragen hin. Im Nachhinein können wir es leider nicht weiter empfehlen. Die Landbesitzer schrecken nicht davor zurück, ihre Kinder allein zu lassen. Auch sind die vier jungen Mädchen dafür zuständig Geld für die Übernachtung zu kassieren. Nachts werden wir dann trotzdem von den Eltern geweckt, wir sollen noch mehr bezahlen. Ja, gar kein Problem so um 01.30 Uhr nachts. Kommt rein, setzt euch, wollt ihr `nen Tee? Meine Güte! Es soll wieder Richtung Meer gehen. Die Strecke ist lang, wir legen einen Zwischenstop ein. Irgendwo im Nirgendwo entdeckt Marc einen Rindermarkt. Er schlägt sich mit der Kamera durch die Massen und taucht in das Getümmel ein. Ich kann nicht. Es ist mir zu viel. Ich kann einfach keine Informationen mehr verarbeiten. Ich bleibe im Auto und hänge meinen Gedanken nach. Die Nacht verbringen wir nahe einem See bei einem Pull-Out ohne Einsicht. Hier ist es ruhig, hier ist es gut. Die Landschaft wird wieder beige, durchzogen von Weiß und Orange. Die Diktatorentochter Keiko will Präsidentin werden und pflastert das Land mit ihrem Namen. Trujillo ist eine unsympathische Stadt am Meer. Die Armut ist nach wie vor greifbar. Man fühlt sich jede Minute des Tages schlecht, weil man mehr hat. Und weil man oft gar nicht zu schätzen weiß, in was für einem Luxus man lebt. Am Vormittag besichtigen wir noch die 2000 Jahre alten Lehmziegel-Gebilde Huacas del Sol y de la Luna. Marc und ich distanzieren uns immer mehr. Erst unmerklich, irgendwann spürbar. Im Cañon del Plato erleben wir die buntesten und schönsten Sandlandschaften, die man sich so vorstellen kann. Wenn die Sonne tief steht, läd diese Strecke zum Träumen ein. Wir campen wild und beobachten Taschenlampenkegel nicht weit von uns. Irgendwann kommen uns zwei kleine graue Wüstenfüchse besuchen. Erst vermuten wir, es seien Schakale –  offensichtlich haben wir keine Ahnung. Sie verschwinden immer wieder und während wir mit dem Lichtkegel nach ihnen suchen, sitzen sie plötzlich recht nah vor uns.  Wir haben uns nicht nur ein Mal erschrocken. Die nächste Station und die erste Nacht auf über 4000 Metern ist die Laguna Parón. Ein unglaublich schöner See hinter dem die Pyramide von Garcilaso empor ragt. Thomas, der Motorradfahrer, kommt am Nachmittag mit seiner Schwester angefahren. Verabredet haben wir uns nicht, es ist aber das zweite Mal in dieser Woche, dass wir uns zufällig treffen. Marc und ich merken, dass wir die Höhe nicht sonderlich gut vertragen. In der Nacht fällt die Temperatur auf 2 Grad. Wir frieren, die Kopfschmerzen tun ihr Übriges. Und dann kommt Huaraz. In Huaraz erklären die Worte, was die Gedanken schon einige Zeit wissen. Wir können so nicht zusammen weiter machen. Wir nehmen diese Reise unterschiedlich wahr, gehen unterschiedlich mit Stress und Belastung um, wir lernen uns anders kennen. Lachen nicht mehr. Die Tage verlieren an Leichtigkeit. Die Situation frustriert. Jede angedachte Lösung, jede Alternative verlangt zu viele Kompromisse für einen von uns. Wir wissen nicht weiter und gehen uns aus dem Weg. Es werden keine Fotos gemacht, keine Texte geschrieben. Da sind nur wir und das Wissen, uns auf dieser Reise verloren zu haben.

 

Nun ist es raus. Ein Teil von you&me hat diese Reise beendet – der Teil, der diesen Blog schreibt. Marc ist noch unterwegs und schlägt sich tapfer. Das Reiseleben ist im Moment nicht einfach für ihn. Er macht noch drei Monate allein weiter, was wir gemeinsam begonnen haben. Der Grüne musste mehrfach in die Werkstatt, es ist wahnsinnig kalt, der erste platte Reifen und viele, viele Hindernisse fordern ihn heraus. Ich steige in Lima in ein Flugzeug und komme allein zurück. In ein leeres Haus und eine Reise im Herzen, die mich nachhaltig prägen wird. Wir kannten das Risiko. Kaum ein Paar, startet so einen Trip, ohne sich Gedanken zu machen. 24/7 gemeinsam in einem Bus gelangt man an seine Grenzen. Aber nun genug davon. Wir möchten uns an dieser Stelle verabschieden und darum bitten unsere Offenheit nicht mit unpassenden Kommentaren zu quittieren. Wir bedanken uns bei all den Lesern, die unsere Reise über das letzte Jahr verfolgt haben. Bei den vielen, lieben Menschen, die auf neue Einträge hin gefiebert haben und mit uns gereist sind. Für das positive Feedback, aber auch für die Kritik an mancher Stelle. Wir hoffen, dass auch in Zukunft eine Menge Menschen von den Infos auf diesem Blog profitieren werden. Auch wenn es in unserem Fall kein Happy End gibt, war ein Jahr Pan Americana die beste Entscheidung und das größte Abenteuer, dass man erleben kann. Lieben Dank, macht es gut und bleibt neugierig. Lena und Marc

 

Gegebenenfalls wird Marc noch das ein oder andere Video fertig machen. Also lohnt es sich bestimmt, ab und zu vorbei zu schauen!! Und vergesst nicht, Marc weiter auf Instagram zu folgen. Sein Fototagebuch führt er dort weiter, ihr findet es hier in der Fußleiste!


Kommentare

  1. Kerstin sagt: Juli 30, 2016 at 3:27 pm

    Liebe Lena, noch mal vielen Dank für Deine wunderschönen Texte – es war eine Bereicherung auf diese Weise mit Euch reisen zu können. Was für eine sagenhafte Reise, was für ein intensives Projekt. Euer Blog ist super geworden und bestimmt für viele Reisende eine gute Lektüre. Wir sind natürlich mit Euch sehr traurig, dass Ihr nun getrennte Wege geht. Wahrscheinlich findet man auf diese Weise eine Wahrheit über sich, den anderen und die Beziehung zueinander, für die man im normalen Alltag wesentlich länger benötigt hätte – die Folgen wären wohl dieselben. Für Dich alles Liebe und einen guten, neuen Weg, wo immer es Dich hin treibt.

    Lieber Marc, Deine Fotos sehen wir weiterhin mit großer Begeisterung – jeden Morgen schauen wir nach, ob es schon neue Eindrücke gibt. Auch hoffen wir auf den einen oder anderen tollen Film, der den Blog noch bereichern wird. Wir wünschen Dir nach Deiner Pechsträhne nun ein gutes, glückliches Ende der Reise – sie dauert nun schon ein Jahr und es kribbelt im Bauch bei der Vorstellung, Dich Ende September – nach hoffentlich noch ein paar tollen Erlebnissen – endlich wieder in die Arme schließen zu dürfen. Küsse für Euch beide!

  2. Liebe Lena,
    wie traurig zu lesen, dass euer gemeinsames Abenteuer so endet! Wir haben immer mitgefiebert und werden deine Berichte „aus der Zukunft“ vermissen. Vielen Dank für deine schönen Texte, die vielen Tipps an uns und den Mut, auch das Ende eurer Reise so ehrlich zu beschreiben. Es gibt nicht viele Reiseblogs, die auch über die negativen Seiten berichten, die eine so lange Reise mit sich bringt, obwohl das ein wichtiges Thema ist.
    Liebe Grüße,
    Leo

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