Foto / Zentralamerika

Nicaragua empfängt uns mit Bäumen, die in orangener Blüte stehen. Selten hat sich die Landschaft nach einem Grenzübergang so verändert. Die flirrende Hitze wird über dem Asphalt sichtbar. Auf unserem Weg nach Las Peñitas erreichen wir den Randbezirk von León. Das Navi schickt uns im Zickzack durch die Strassen, bis wir plötzlich mitten in einem Markt stehen. Die Menschen rufen, handeln und zoffen sich um die Güter. Die Wege sind eng, die Gerüche intensiv und das Fahren eine Stressprobe. An einer ganz besonders engen Stelle, touchiere ich das Dach eines Fahrradtaxis. Der Besitzer erschrickt auf seinem Sattel, kümmert sich aber nicht weiter darum. Wenn wir nur auch diese innere Gelassenheit hätten! Zu dem Zeitpunkt hätte ich eher ein Wechsel- Shirt nötig. So tauchen wir also ein, in das sechste Land unserer Reise. Wir Zwei und der Grüne.

In Las Peñitas beziehen wir zunächst Quartier im Hof von Rigo’s Guesthouse. Das kleine Hostel ist ein entspanntes Plätzchen mit direktem Zugang zu Strand und Meer. Das kühle Nass haben wir dringend nötig – die 37 Grad Dauerhitze plätten. Kräftige Wellen umspülen uns, Pelikane segeln im Tiefflug über die Brecher und wir verbringen den restlichen Nachmittag in der Hängematte. Die Welt ist schwer in Ordnung. Als wir das Salz von der Haut waschen wollen, stellt sich raus, dass fließendes Wasser hier sehr launisch ist. Nicht verzagen – es gibt ja eine große Sammeltonne! Kichernd schütten wir uns das Wasser mit Eimern über den Kopf und freuen uns über diese neue Erfahrung. Am dritten Tag lernen wir auch endlich Rigo kennen, den Besitzer. Als er von unseren Plänen hört, einen Tag in León verbringen zu wollen, läd‘ er uns ein. Wir dürfen auf seinem Grundstück in der Stadt sicher parken und dort übernachten. Wir treffen uns also am nächsten Morgen an seiner Tür und fahren mit ihm ins Zentrum. Dabei erzählt er von dem Videoabend mit seinen norwegischen Studenten, und dass wir doch unbedingt dazu stoßen sollen. Sehr gern! León begeistert uns von der ersten Sekunde an. Die Stadt ist lebendig, ohne zu überfordern. Sie ist übersichtlich, ohne langweilig zu sein. Die Gassen sind bunt, fröhlich und chaotisch. Und der nicaraguanische Löwe bietet so viel Geschichte. Eine Geschichte, die für dieses Land entscheidend ist. Nach einem Besuch im Marktviertel laufen wir zur weißen Kathedrale. Dort soll man mit einem Ticket auf’s Dach können, das ebenso ganz in weiß gehalten ist. Ich frage bei einem Herren nach, wo man so ein „Billete“ bekommen kann. Wir werden von A nach B geschickt und wollen schon fast aufgeben, als wir die kleine braune Tür an der Ostseite der Kirche finden. Es ist kurz nach 14 Uhr, genau die empfohlene Zeit. Vorsichtig öffne ich die Tür und werde aber sogleich unwirsch verscheucht. Es scheint eine Messe abgehalten zu werden, und wie wir schon wissen, nimmt man es mit den Uhrzeiten hier nicht so genau. Nun denn, gehen wir erst ins Museo de Revolución und kommen später wieder. Das Museum ist klein, die Ausstellung nicht unbedingt außergewöhnlich. Das Besondere ist der Guide. Auf Spanisch führt dich ein Mann mit verlebtem Gesicht durch die Ausstellung. Mit Passion erzählt er aus den Jahren `78 -`90. Die Zeit des Krieges. Die revolutionären Sandinisten kämpften mit wenig Mitteln gegen Somozas Militär an. Sie wollten für ihr Land einstehen. Für ein freies, liberales und faires Nicaragua. Der Ort des Geschehens ist León. Der starke Löwe. Mitten unter ihnen der 16 jährige Manuel, unser Guide. Bewegend erzählt er vom Alltag in diesen Tagen, davon dass Frauen und Männer Seite an Seite auf die Strassen gingen, demonstrierten und kämpften. Dass der heutige Präsident Daniel Ortéga, damals einer der Anführer der Sandinisten war und dann Teil der ersten Regierungstruppe. Heute, wo er erneut das Land regiert, hat er trotzdem die damals erkämpften Werte vergessen. Es geht wieder nur um Macht und Bereicherung. Man hat ein bisschen das Gefühl, Manuel sei in der damaligen Zeit stehen geblieben. Vielleicht war er zu jung und zu lange im Krieg, um im neuen, friedlicheren Nicaragua seinen Platz zu finden? Als er mit uns die Treppe in den zweiten Stock hinauf geht, sehen wir Einschusslöcher. Er zeigt uns auch eine kleine Kammer. Hier waren knapp zwölf Menschen eingesperrt. Wir haben kaum zu fünft rein gepasst. Man muss schlucken. Es wird einem klar, dass jeder Zweite, den wir hier auf der Strasse sehen von vielen Jahren Krieg und Unruhen gebeutelt ist. Als wir das Gebäude verlassen, scheint der strahlend blaue Himmel unpassend zu sein. Bei einem Kaffee lesen wir vorsichtshalber die Details der Revolution nach, es wird klar: ich hab nicht nur manches falsch übersetzt, sondern teilweise das genaue Gegenteil! Nun müssen wir doch lachen und es folgt ein erneuter Versuch bei der Kathedrale. Als wir endlich bei der Ticket-Dame stehen, eröffnet sie uns recht unfreundlich, dass sie nicht ausreichend Wechselgeld hat. Unser Unmut steigt. Die zentralamerikanischen Länder konzentrieren sich vermehrt auf Tourismus, manche verhalten sich aber, als wären wir nervige Störenfriede. Sollen wir es vielleicht sein lassen – einfach, weil wir uns schikaniert fühlen?! Die weißen Kuppeln klingen jedoch so verlockend, dass wir die Idee nicht aufgeben wollen. Also kaufen wir uns einen frischen Jugo und marschieren mit passendem Geld wieder zur Kathedrale. Nun erklärt uns die Dame, dass in 20 Minuten das Dach schließt und sie uns nun keine Tickets mehr verkaufen kann. Ich blinzle, schaue Marc verdutzt an, meine Augen fragen: hat sie das gerade wirklich gesagt? Ja sie hat. In ungehaltenem Ton mit chaotischem Spanisch erkläre ich ihr, dass sie das nicht ernst meinen kann. Uns jetzt schleunigst ein Ticket verkaufen soll, weil wir schließlich noch eine viertel Stunde Zeit hätten. Und was macht sie? Sagt uns, wie großzügig es jetzt von ihr wäre uns noch nach oben zu lassen. Meine Halsschlagader pulsiert verdächtig, als wir die Tickets entgegen nehmen. Wir ziehen die Schuhe vor der hellen, blendenden Fläche aus und vergessen alles andere. Das Weiß hat solch eine Anmut, dass man nur staunend über die Kuppeln schauen kann. Den Blick über León genießen und sich freuen, dass man hier ist. Abends sitzen wir dann mit den norwegischen Studenten, Rigo und seiner Freundin Marta vor der großen Leinwand. Gespielt wird Carla’s Song. Dieser Film behandelt die nicaraguanischen Geschichte Ende der 80ger in eine Liebesgeschichte verpackt. Passender hätte dieser bewegende Tag nicht enden können. Als der Abspann kommt, laufen Tränen.

Wir verabschieden uns schweren Herzens vom Löwen. Weiter geht es ins Landesinnere. Mehr sehen, mehr erleben. Aber wir sind überzeugt: jeder, der in diesem Land reist, sollte Zeit in León verbringen. Diese Stadt ist das Land. Sie ist Geschichte. Sie ist Nicaragua.


Kommentare

  1. Mama (Monika Scherer) sagt: März 16, 2016 at 2:03 pm

    Du und Leon – nehme ich an – was für ein Anblick! Warum springt Marc am ‚Grünen‘ in die Höhe? Diese Episode fehlt leider in Eurer wieder spannenden Geschichte. Liebe Grüße aus dem sonnigen, winterlichen München!

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