Foto / Zentralamerika

Die Grenze haben wir – auch Dank Julia – relativ schnell bewältigt. An der ein oder anderen Stelle wird die Geduld und die Toleranz für Nonsens gefordert. Wir brauchten Kopien, um das Auto einführen zu können. Der nette Herr am Schalter schickt uns zum Copyshop 100 Meter weiter. Dort angekommen, ist niemand aufzufinden. Wir warten, fragen die Umstehenden und rufen mehrfach nach dem Besitzer. Irgendwann geben wir auf, und trotten zurück. Nachdem wir die Situation erklärt haben, bekommen wir doch glatt am Schalter Kopien. Warum einfach, wenn es auch kompliziert geht? An vielen Stellen hier Lebensmotto. Willkommen in Guatemala.

Der Reiseführer hat Recht. Bevor man den Dschungel erwachen sieht, hört man es. Nebel liegt über dem Gelände. Es dämmert. Die Brüllaffen sind die Ersten. Ihr lautes Geschrei scheint die anderen Bewohner zu wecken. Sogleich erklingt Vogelgezwitscher – und erst als es schon hell ist, hört man die Touristen. Sie erkunden eine der berühmtesten Maya-Ruinen: Tikal. Unter Ihnen auch wir, die super früh aufgestanden sind, um das Gelände noch möglichst unberührt zu sehen. Es lohnt sich. Die Energie dieses Platzes ist spürbar. Dafür muss man auch kein Esoteriker sein. Es reicht, sich auf die Gran Plaza zu stellen und zu atmen. Hier treffen wir auch Mike wieder. Er ist einer dieser Menschen, die einen von der ersten Minute an beeindrucken. Der junge Mann mit strahlend blauen Augen und sonnengebleichten Haaren fährt mit dem Fahrrad. Von Chicago nach Chicago. Ein Mal um die Welt. 11.000 Kilometer in fünf Monaten hat er schon geschafft. Hallo? Und wir dachten, wir seien harte Typen. Als wir auch Julia und Fabi wieder gefunden haben, machen wir uns gemeinsam auf den Weg zum Lago Petén Itza. Dort gibt es ein Hostel, dass Campen erlaubt. Es lockt mit einem grandiosen Ausblick auf den See und das Inselstädtchen Flores. Dieses erreicht man mit dem Wassertaxi. Na dann mal los. Wir schlendern durch die bunten Gassen, essen bei einer guatemaltekischen Mama Burritos und schwitzen, was das Zeug hält. Kein Wunder, bei 40 Grad. Zurück im Hostel können wir in Hängematten den Sonnenuntergang über der Insel beobachten. Großartig. Am nächsten Tag liegen 200 Kilometer vor uns. Wir wollen zu den Las Conchas Wasserfällen. Auf der Fahrt erleben wir das erste Mal Guatemala, außerhalb der durch den Tourismus weichgespülten Gegenden. An einer Kreuzung halten grimmige LKW-Fahrer, mit Pistole im Hosenbund. Entlang der Carretera steht ein junger Mann mit hochgezogenem TShirt und runtergelassenen Hosen. Blank gezogen, zur Strasse gewandt. An jeder Tankstelle ein Sicherheitsmann mit Maschinengewehr. All diese Menschen, für uns beängstigend oder zumindest anders, scheinen hier im Strom des Alltags gar nicht aufzufallen. Wir erreichen das Naturschutzgelände über eine holprige Strasse. Es scheint verlassen zu sein. Geparkt wird auf einer Grünfläche und wir beschließen die Nacht hier zu bleiben. Als Julia und Fabi mit Lucy schon mal die Gegend erkunden, treffen sie eine ältere Dame. Sie behauptet, bei ihr müsse man zahlen. Ob das alles so seine Richtigkeit hat?! Als sich die Dunkelheit über uns senkt, steigen massenhaft Glühwürmchen aus dem Gras empor. Dazwischen raschelt etwas. Plötzlich starren uns zwei dunkle Augen aus einem mageren Hundegesicht an. Man kann die Rippen zählen, der eingezogene Schwanz mit einem ungesunden Knick am Ende, bricht einem fast das Herz. Er bekommt erst mal was zu Essen. Ein paar Streicheleinheiten wären auch noch drin, aber dafür ist er zu verängstigt. Unser Geisterhund ist leider kein Einzelfall. Die Wasserfälle liegen in einem wunderbaren Areal. Hölzerne, löchrige Brücken und Treppen wecken das Kind in einem. Nachdem wir uns ausgetobt haben, gibt es im oberen Bereich eine Abkühlung. Danach geht es wieder auf die Strasse. Ziel ist Semuc Champay. Türkisfarbene Wasserbecken, die man angeblich gesehen haben muss. Wir wussten bloß nicht, was da auf uns zu kommt! Unsere Hilfs-App iOverlander zeigt Distanzen gern in Luftlinie an. Wenn dann aus 45 Kilometern plötzlich 120 werden, staunt man nicht schlecht. Die erste Stunde ist uns noch normaler Asphalt vergönnt. Danach geht es auf eine unbefestigte Strasse. Wobei das Wort „Strasse“ hier völlig fehl am Platz ist. Steile Schlagloch-Riesen-Brocken-Schotter-Piste trifft es eher. Sie schraubt sich durch tiefen Dschungel und Bergdörfer. Wir müssen mehrfach stehen bleiben, um die Motoren abkühlen zu lassen. Kinder winken uns unaufhörlich. Zunächst freuen wir uns darüber und reagieren mit strahlendem Lächeln. Als zunehmend das Wort „Gringo“ mit dem Winken einher geht, sind wir verunsichert. Beschimpfen sie uns? Machen sie sich über uns lustig? Julia fragt bei einem jungen Mann, der Holz aufschichtet, nach. Es sei hier einfach ein Ausdruck für Ausländer und nicht als Beschimpfung zu verstehen. Beruhigt grüßen wir die Kinder wieder zurück. Für abenteuerliche 50 Kilometer brauchen wir ganze sechs Stunden. Hysterische Schnappatmung und Angstschweiß inklusive. Zu guter Letzt geraten wir noch ins Dunkle und müssen uns kurz vorm Ziel einen Schlafplatz suchen. Am nächsten Morgen bewältigen wir den Rest der unsagbaren Strecke und erreichen den Parkplatz von Semuc. Innerhalb von Sekunden hat sich eine Gruppe Halbstarker um uns versammelt, den Preis für das Parkticket schreiend. Da reicht natürlich nicht einer. Nein, es müssen mindestens acht Leute sein. Sonst könnten wir es ja überhören. Kaum eingeparkt umringen uns kleine Mädchen und Jungs die Schokoladentaler, eingewickelt in Alufolie, verkaufen. Sie kommen sehr nah, fassen in meine Locken und wollen alles Mögliche wissen. Eigentlich möchte man sie alle einpacken, ihnen den Schmutz aus dem Gesicht wischen und dann auf den Schoß setzen, um all die Fragen zu beantworten. Aber so läuft es leider nicht. Sie werden hier bleiben und weiter Schokoladentaler verkaufen. Vielleicht würden wir ihnen auch nur unsere westliche Vorstellung von Kindheit aufdrücken. Und wer weiß, vielleicht sind sie gern hier. Aufgeteilt erklimmen wir die Stufen zum Aussichtspunkt der Wasserbecken. Sie sind schön anzusehen und danach auch angenehm darin zu schwimmen. Aber der widerspenstige Weg dort hin, ist es wert, weil man echtes Guatemala sieht. Nicht wegen der Wasserbecken.

So haben wir den Norden Guatemalas erkundet. Manchmal hat er uns gefordert, selten überfordert, aber immer daran erinnert dass es so viel mehr gibt als unsere (vermeintlich) heile, westliche Welt. Wir sind gespannt, was uns im Süden erwartet. Wo wir doch wieder etwas sanftere Gegenden aufsuchen werden. Antigua und Lago de Atitlán – wir sind unterwegs.

 

 


Kommentare

  1. Mama (Monika Scherer) sagt: Februar 23, 2016 at 12:31 pm

    Hallo Ihr zwei, wieder ein spannende Etappe! Hier rieselt der Schnee oder der Regen oder es stürmt wie verrückt. Schickt ein paar Grad von den 40 doch hierher – dann kommt vielleicht endlich der Frühling. Bin in Gedanken bei Euch und Euren Abenteuern.

  2. Toni & Sepp (Dick) sagt: März 6, 2016 at 10:14 am

    Hallo ihr Beide, jetzt mal aus Eurer nächsten Nachbarschaft Bürgermeister-Hausladen-Str. in Heimstetten liebe Grüße. Wir erfuhren erst vor kurzem von Eurem Blog und so könnten wir jetzt tagelang in den Berichten und Fotos blättern. Es ist toll, wie Ihr das macht! Eben richtig professionell. Wie Ihr ja sicher wisst, unser bisheriger Winter war eher ein Frühling, aber jetzt so kurz vor Ostern ist der Frühling fast ein Winter. Heute Nacht hat es wiedermal geschneit.Mit Skifahren war bisher noch nicht soviel, aber nächste Woche wollen wir nach Lech-Zürs (mit dem Wohnmobil). Es hat dort jetzt reichlich Schnee und die Nachttemperatur liegt bei 13 Grad minus.Haben wir Euch die Zähne lang gemacht? Macht nichts, egal, uns geht es genauso, wenn wir Eure Bilder sehen!
    Nun aber genug fürs Erste. Macht weiter so, wir freuen uns über Eure Berichte und vor allem weiterhin viel Spaß und keine Pannen!
    Antonie&Sepp

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